Zwei Begriffe tauchen in Glasangeboten am häufigsten auf und werden am wenigsten verstanden: ESG und VSG. Die meisten Kunden hören beides als „Sicherheitsglas" und nehmen an, es gebe keinen Unterschied. Tatsächlich durchlaufen beide unterschiedliche Fertigungsprozesse, brechen unterschiedlich und gehören an unterschiedliche Stellen. Am falschen Ort eingesetztes Glas nimmt dem System die Sicherheit. In diesem Beitrag erklären wir den Unterschied technisch und legen dar, was wohin gehört.
Normales Floatglas kommt in Außensystemen nicht zum Einsatz. Beim Bruch entstehen lange, scharfe und schwere Scherben, die schwere Verletzungen verursachen. Fehlt in einem Angebot die Angabe der Glasart, ist das für sich genommen ein Warnzeichen. Zwei Sicherheitsgläser sind im Außenbereich verwendbar: ESG und VSG.
ESG ist durch Wärmebehandlung verfestigtes Glas. Zugeschnittenes Glas mit bearbeiteten Kanten wird auf rund 600 Grad erhitzt und anschließend rasch abgekühlt. Diese rasche Abkühlung erzeugt Druck an der Oberfläche und Zug im Kern. Das Ergebnis ist ein etwa vier- bis fünfmal festeres Material als gewöhnliches Glas. Auch die Temperaturwechselbeständigkeit ist deutlich höher.
Die eigentliche Sicherheitseigenschaft von ESG ist sein Bruchverhalten. Wird das innere Spannungsgleichgewicht gestört, zerfällt das Glas nicht in große Scherben, sondern in kleine Krümel mit stumpfen Kanten. Diese Krümel schneiden nicht; das Verletzungsrisiko ist weit geringer als bei gewöhnlichem Glas. Doch ein kritischer Punkt bleibt: Bricht ESG, zerfällt die gesamte Scheibe auf einmal und die Krümel werden frei. Das Glas bleibt also nicht an Ort und Stelle.
VSG arbeitet nach einem völlig anderen Prinzip. Zwei oder mehr Glasscheiben werden unter Hitze und Druck mit einer transparenten Zwischenschicht namens PVB verbunden. Bricht das Glas, bleiben die Stücke an dieser Zwischenschicht haften; die Scheibe reißt, bleibt aber an Ort und Stelle und fällt nicht herab. Deshalb zerfällt eine Autofrontscheibe nicht, sondern bildet ein Spinnennetzmuster.
Dieser Unterschied im Verhalten bestimmt unmittelbar den Einsatzort. In vertikalen Anwendungen - bei seitlichen Schließsystemen - ist ESG sicher; bricht das Glas, fallen die Krümel zu Boden, was keine Gefahr darstellt. Bei Überkopfanwendungen ändert sich das völlig. Bei Glas über dem Kopf - Glasdach, Vordachabdeckung oder Überkopfdurchgang - ist es nicht akzeptabel, dass die Krümel im Bruchfall frei werden.
Deshalb fordern wir bei Überkopfanwendungen VSG. Bei einem Festglasdach, einer Vordachabdeckung und jeder Anwendung mit Personen darunter muss das Glas ein Verbundglas sein. Ein nur mit ESG ausgeführtes Glasdach regnet im Bruchfall Krümel auf die Personen darunter. Das ist keine technische Vorliebe, sondern eine Sicherheitsanforderung; wir empfehlen, schriftlich zu sehen, dass Überkopfglas ein Verbundglas ist.
Auch die Kombination beider ist möglich und bietet das höchste Sicherheitsniveau. VSG aus ESG entsteht, indem zwei bereits vorgespannte Scheiben mit PVB verbunden werden. Es trägt sowohl die Festigkeit der Vorspannung als auch die Resttragfähigkeit des Verbundes. Diese Kombination wird bei Glasdächern in Höhe, begehbaren Flächen und im öffentlichen Raum bevorzugt; sie kostet mehr, doch die Sicherheitsanforderung rechtfertigt das.
VSG ist auch in Bereichen mit Kindern und hoher Frequenz wertvoll. Bricht ESG, leert sich die Scheibe vollständig und es bleibt eine Öffnung. Dass ein Kind oder ein Haustier diese Öffnung passiert, ist besonders bei Balkon- und Terrassenanwendungen ein reales Risiko. Bei VSG bleibt die Scheibe auch gebrochen an Ort und Stelle, die Absturzsicherung bleibt also erhalten. Wir empfehlen daher, in Haushalten mit Kindern auch bei vertikalen Anwendungen VSG zu prüfen.
Die Dickenwahl ist ein eigenes Thema und hängt unmittelbar mit der Scheibengröße zusammen. Mit wachsender Breite und Höhe steigt die unter Windlast in der Scheibenmitte entstehende Spannung. In Guillotine-Glas- und Schiebeglas-Systemen wird meist 8 mm ESG verwendet, was für Standardmaße ausreicht. Sehr große Scheiben, Obergeschosse und windexponierte Fassaden erfordern dickeres Glas oder einen Verbundaufbau.
Die Kantenbearbeitung ist ein bei der Sicherheit übersehenes Detail. Vor dem Vorspannen müssen die Glaskanten sauber geschliffen sein. An der Kante verbliebene Mikrorisse erzeugen beim Vorspannen Spannungskonzentrationen und bereiten späteren Spontanbruch vor. In hochwertiger Fertigung wird dieser Schritt nicht übersprungen. Eine im Angebot genannte Kantenbearbeitung zeigt, dass der Hersteller auf dieses Detail achtet.
Zu ESG gehört eine weitere bekannte Erscheinung: der Spontanbruch. Nickelsulfid-Partikel, die bei der Glasherstellung in den Rohstoff gelangen können, dehnen sich mit der Zeit aus und lassen ESG ohne äußere Einwirkung zerfallen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber nicht null. Mit dem sogenannten Heat-Soak-Test lassen sich riskante Scheiben bereits in der Fertigung aussortieren. Im öffentlichen Raum und bei Überkopfanwendungen kann dieser Test verlangt werden.
Bei Anwendungen mit Dämmbedarf kommt die Isolierglaseinheit ins Spiel. In dieser Einheit liegt zwischen zwei Scheiben ein mit Luft oder Gas gefüllter Zwischenraum, der den Wärmedurchgang senkt. Die Lagen einer Isolierglaseinheit können ESG, VSG oder eine Kombination sein. In beheizten Volumen wie einem Wintergarten sollte Isolierglas geprüft werden; da das Gewicht steigt, sind Mechanik und Tragwerk entsprechend zu wählen.
Farb- und Beschichtungsoptionen gibt es bei beiden Glasarten. Rauchgraue und bronzefarbene Gläser senken die Lichtdurchlässigkeit und den Wärmeeintrag, verdunkeln aber den Ausblick etwas. Sonnenschutzbeschichtete Gläser lassen sichtbares Licht durch und reflektieren einen erheblichen Teil der Infrarotstrahlung. An südorientierten Glasdächern nehmen diese Beschichtungen den Beschattungsbedarf nicht vollständig, verringern ihn aber spürbar.
Zusammengefasst: ESG ist fest und zerfällt in nicht schneidende Krümel, bleibt aber nicht an Ort und Stelle. Bei VSG bleiben die Stücke an der Zwischenschicht haften und die Scheibe bleibt stehen. Bei vertikalen Seitenschlüssen genügt ESG; bei jeder Überkopfanwendung ist VSG zwingend. In Bereichen mit Kindern bietet VSG zusätzliche Sicherheit. Sehen Sie sich unsere Glassysteme an und lesen Sie zu Sicherheitsanforderungen bei Glasdächern diesen Beitrag.
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Häufig gestellte Fragen
Bricht ESG, zerfällt es in kleine Krümel mit stumpfen Kanten und die Scheibe leert sich. Bei VSG bleiben die Stücke an der PVB-Zwischenschicht haften und die Scheibe bleibt an Ort und Stelle.
Ausnahmslos VSG. Über Kopf regnet ESG im Bruchfall Krümel herab; bei VSG bleiben die Stücke an der Zwischenschicht haften und fallen nicht.
Nicht zwingend, aber empfehlenswert. Bricht ESG, leert sich die Scheibe vollständig und es entsteht eine Öffnung; bei VSG bleibt die Scheibe stehen und die Absturzsicherung erhalten.